Besondere Tisch–Ereignisse

Gender*chen und Vorständin - im TOR
30.08.2019

Gender*chen und Vorständin - im TOR

Vorab: „Verständlich und lesbar“: Der Rat für deutsche Rechtschreibung – also das maßgebliche Gremium für die amtlichen Regeln der Orthographie – hat die Gender-Schreibweisen abgelehnt. Um seine Missbilligung solcher Schreibweisen zu begründen, setzt der Rat auf folgende Kriterien: Texte sollten „verständlich und lesbar sein“, sie sollten „vorlesbar sein, die Lesegeschwindigkeit nicht vermindern" und „Rechtssicherheit und Eindeutigkeit gewährleisten“. Vor allem sollten sie aber "übertragbar sein auf alle deutschsprachigen Länder mit mehreren Amts- und Minderheitensprachen".

Warum muss sich unser Jonges-Vorstand ohne jede Not über die Vorgaben des Rats für deutsche Rechtschreibung hinwegsetzen?

 

Die freundlichen Hinweise zum Genderunfug hier v. 1. April d.J. haben bei unseren Vereinsvorständen offensichtlich nicht so recht verfangen, obwohl zwei von ihnen unserem Tisch angehören. Sie haben es entweder nicht gelesen, oder/und folgen einer nicht korrekten rechtlichen Interpretation und/oder es gilt die freundliche Einordnung der Linguistin Ewa Trutkowski "wer gendert, ist lieb und links".

Lieb wollen sie sicher sein, links doch wohl nicht unbedingt. Sondern konservativ im Sinne von gesetzestreu: Der zwischenstaatliche Rat für deutsche Rechtschreibung hat bislang die Aufnahme orthographisch-typografischerVeränderungen wie Binnen-I, Binnen-Doppelpunkt, Asterisk (Genderstern) etc. in das amtliche Regelwerk der deutschen Sprache abgelehnt. "Dass Institutionen im Hoheitsbereich des Staates (Stadtverwaltungen, Universitäten) dieses Regelwerk ignorieren, ist mehr als skandalös. In Gestalt der Sprache zerstören sie eine Grundlage des Zusammenlebens in der Gesellschaft." (FAZ, 25.05.2021, Leitartikel D. Deckers).

Warum also folgen wir als Verein einer nicht gültigen Schreib- und Sprachweise?

 

"Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug!“

Wirklich nicht?

Zwei kleine Beispiele zum Gegenteil gefällig, auch wenn sie nicht wirklich Sprachwandel, sondern nur unreflektiertes Mitlaufen im vermeintlich politisch-korrekten Gendersprech-Stream darstellen?:

 TOR 10 2019, S. 27: in "Sorgen um..." formuliert Rolly Baas

"Fragen, die sich jedem Bürger*innen stellen, deauch... nachdenkt" - man mag's nicht glauben! Merkt der Schreibende nicht schon beim Schreiben, wie dieser unreflektierte Gebrauch einer Gender-Formel das Gefühl für die korrekte Sprache verhunzt? Und "nachdenkt" ist ein guter Hinweis: Leute, denkt nach, bevor ihr solchen Quark verzapft! Im vereinseigenen Heft gelten solche Genderschreib-Vorschriften doch nicht.

Und TOR 08- und TOR 09-2019 "Auf ein Wort Leeve Jonges", nun soll es nach Sebastian also: Vorständin“ heißen (obwohl  wir doch ?noch? keine Frauen im Verein oder gar im Vorstand desselben haben - sofern sich alle sexusgerecht geoutet haben).

Wem könnte gefallen, wenn der folgende, hier gendernd geänderte Auszug aus dem Protokoll einer Vorstandssitzung so lautete: " Vorständins-/Vorstandssitzung vom …: Am Rande des gemeinsamen Mittagessens der Vorstände/-innen im Vorständins-/Vorstandskasino bittet die/der Vorständins-/Vorstandsvorsitzende seine Vorständins-/Vorstandskollegen/-innen, sich in Vorbereitung des TO-Punktes „Vorständins-/Vorstandsangelegenheiten“ der nächsten Aufsichtsrätins-/ratssitzung auf ihre jeweiligen individuellen Vorständins-/Vorstandsaspekte gründlich vorzubereiten ..." ?

Und bescheiden gefragt: Wem nützte es und was?

Also: „Principiis obstate, wehret den Anfängen!“ Wer möchte schon eines nicht so fernen Tages auf die Grölemeiersche Frage „Wann ist ein Jong ein Jooooong?“ nur ein tristes „vae victis hominibus adulescentibus nobis“ grummeln? Auch möchten wir nicht, dass sich Rolly noch einmal mit ebenso genderkorrekten wie unaussprechbaren Schriftungeheuern wie "Landtagsabgeordnete*/_:LandtagsabgeordneterInnen" blamie-, sorry, am Rednerpult herumschlagen muss, gar mit stimmlosem glottalen Plosiv, kurz Glottisschlag (s. Besonderes Ereignis 08.01.2019). Siehe oben „vorlesbar sein, die Lesegeschwindigkeit nicht vermindern"!

Sollte das immer noch nicht reichen, hilft ja vielleicht dieser länger zurückliegende, in Lits grausender Erinnerung haftende Eintrag in einem Gemeindeblatt einer recht feministisch geprägten Kirchengemeinde zu der Einsicht, dass sprachlich genus und sexus wirklich nichts miteinander zu tun haben: „Freudig trugen die Kirchenvorständinnen die Täuflingin zum Taufbecken, ganz behutsam auf ihren zarten Händinnen zu ihrer Gott.“

Sollte das alles nicht helfen, muss eben JWvG ran, der uns schließlich mittels  einer umfangreichen II-teiligen Tragödie ganz an deren Ende genial-knapp den Unterschied zwischen grammatischem genus und personenbezogenem sexus erarbeitet hat: "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan", und nicht "Die Ewig-Weibliche"!

Passend dazu dieser Nachtrag v. 23.10.2020: "Das falsche Weibliche zieht uns hinan" betitelt P. Eisenberg, em. Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart, Uni Potsdam, in der FAZ seine "Anmerkungen zum Unterschied zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht. Lebewesen haben ein Geschlecht, aber nicht Wörter. Keine Sprache der Erde enthält auch nur ein einziges männliches oder weibliches Wort, auch das Deutsche nicht. Unter einem Generikum versteht man ein Wort, das ganz oder in bestimmten Verwendungen keinen Bezug auf das natürliche Geschlecht des Bezeichneten aufweist. Maskuline Generika sind beispielsweise Säugling, Mensch, Fan, Leichnam, Prüfling, Mörder, feminine Generika etwa Person, Koryphäe, Leiche, Waise, Geisel. Dass ein solches Generikum Frauen oder Männer, die mit einem  Wort des jeweils anderen Genus bezeichnet sind, nur "mitmeine",  ist eine begriffliche Irreführung. Die wesentliche Eigenschaft von Generika besteht ja gerade darin, dass überhaupt kein Bezug auf irgendein Geschlecht besteht.... Der allergrößte Teil maskuliner Personenbezeichnungen ist nicht einfach generisch, sondern allenfalls generisch verwendbar. In "Kommst du mit zum Bäcker" ist Bäcker generisch verwendet, in "Unser Bäcker flirtet gern mit älteren Damen" nicht. Das ist bei entsprechenden femininen Personenbezeichnungen anders: Terroristin, Spionin, Physikerin, Lehrerin, Kosmetikerin haben das unabänderliche semantische Merkmal weiblich. Sie sind nicht generisch, sondern grammatisch auf das Merkmal weiblich festgelegt. Ein generisches Femininum gibt es im Deutschen nur bei Einzelwörtern, aber nicht als Strukturmerkmal produktiver Wortableitungen. Der Bedeutungsunterschied zwischen den Elementen von Wortpaaren wie Richter- Richterin, Spion - Spionin besteht darin, dass Maskulina dieser Art einen differenzierten Bezug auf das natürliche Geschlecht haben, Feminina einen festliegenden auf weiblich. Deshalb ist der Vorwurf, der dann zurückgezogene Entwurf des Bundesjustizministeriums "Gesetz zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts" [ausgerechnet!!] mit fast ausschließlich femininen  Personenbezeichnungen adressiere nur weibliche Personen, zutreffend. Juristen haben eine Definitionsgewalt über Rechtsbegriffe, aber nicht über die Grammatik der Gemeinsprache. Zerstören kann man eine gewachsene Sprache sehr wohl, aber rekonstruieren kann man sie nicht.

Welche Weiterungen die Ersetzung von Maskulina durch Feminina hätte, kommt den Vertretern des Genderismus gar nicht zu Bewußtsein [interessiert sie erst gar nicht!]. Allein die Rolle des Genus bei generischen Indefinitpronomina wie wer, irgendwer, niemand, jemand und so weiter, die alle ausschließlich maskuline Formen haben, erforderte einen tiefen Eingriff in die Syntax.... Dass so getan wird, als könne man die Sprache verändern, ohne sie, ihre inneren Gesetzmäßigkeiten zu kennen, darf nicht zur Gewohnheit werden. Auch wenn man Grammatik nicht mag: Sie allein kann bei strukturellen Fragen zeigen, was geht und was nicht gehen kann." FAZ, 23.10.2020, S. 9 Feuilleton).

Am 27.10.2020 kommentiert ein wahrlich humorig veranlagter Leserbriefschreiber in der FAZ (S. 6) den Leserbrief eines Rechtsanwalts, der vorschlug, zukünftig generell die weibliche Form zu verwenden, mit dem Hinweis, ob ein so ähnlich generelles Umschreiben des Strafgesetzbuches mit "Mörderin", Diebin", "Vergewaltigerin", "Betrügerin" als generelle Schreibform wohl von den Anhängern einer "gendergerechten" Sprache goutiert würde, was man sicher bezweifeln darf. Seine augenzwinkernde Lösung: "Die deutsche Sprache bietet eine wunderbare Alternative zu der entweder männlichen oder weiblichen Form und auch zu der wenig attraktiven Zerstückelung  der Schriftsprache durch Gendersternchen, Binnen_I oder Leerstelle mit Unterstrich sowie des Sprechens mit einer kurzen Pause zwischen männlicher Bezeichnung und angefügtem "-in":  Die durchgehende Verwendung des Diminuitivs mit dem Artikel "das" für alle Bezeichnungen, die sowohl Männer als auch Frauen betreffen können, also zum Beispiel "das Bäckerchen", "das Direktorchen", "das Krankenhausärztchen", "das Redakteurchen", das "Bundeskanzlerchen" oder "das Bundesministerchen für Verteidigung" [auch "das Vorständchen", für Sebastian Juli] ... "Verehrte Eisenbahnbenutzcherchen" statt umständlichen "verehrte Eisenbahnbenutzerinnen und Eisenbahnbenutzer". Hilfreich auch dort, wo dasselbe Wort  für Einzahl und Mehrzahl steht, also "das Lehrerchen" und die "Lehrerchen". Auch bewirkt die durchgehende Verwendung des Diminuitivs in der  Amtssprache eine vorteilhafte Lockerung des autoritären Verhältnisses von Staat und Bürger; die Sprache würde 'gemütlicher'." Und "Schwaben, die ja bekanntlich alles außer Hochdeutsch können, benutzen anstelle des "-chen" die ihnen seit eh geläufige Nachsilbe "-le", also "das Studentle", "das Meisterle", "das Konzertgeigerle". Sie hatten schließlich ja schon einmal einen Ministerpräsidenten mit dem Beinamen "das Cleverle"

 

Wie immer mit bescheidener Zuversicht auf cleverle Einsicht hoffend - auch auf die Einsicht von Baas, Sebastian, TOR-Redaktion & Co., dass das unserem Männerverein unverändert und weiterhin gelegentlich angeklebte Etikett der Misogynie nicht auf diese gendernde Weise entfernt werden kann, jedenfalls so lange nicht, wie wir keine Bääsin haben und noch nicht im obigen Sinne Jong-chen oder Jonge-le sein wollen ...

grüßt nach diesem Gender-Exkurs im Kopf geschrumpft das Literatchen, hier gern auch kurz Litle,

der zum Schluß für Gender*ächter zum Aufheitern auf R. Moritz verweist, Literaturkritiker, Autor und Leiter des Literaturhauses Hamburg: "Die Sprecher einer [Sprach]Gemeinschaft gehen den Weg des geringsten Widerstands, sie sprechen so, wie es am einfachsten ist. Auf diese Weise verändert sich Sprache wie von unsichtbarer Hand. Und deshalb darf sich, wem das Gendersternchen mißfällt, ruhig zurücklehnen: Eine 'erfundene' Wortbildungsform, die nicht aus dem Sprechen im Alltag erwachsen ist, hat keine Zukunft."(FAZ, 12.04.2021, S. 6). Übrigens: Eine Umfrage unter den Mitgliedern des PEN-Zentrums zur "gendergerechten Sprache" im Frühjahr 2021 ergab, dass die Mehrheit der teilnehmenden Mitglieder/Schriftsteller das generische Maskulinum beibehalten und nicht Genderstern und Glottisschlag verwenden wollen.

Auf Sicht darf man also darauf bauen, der Genderstern, dieses verkopfte "Sprachlenkungs- und Sprachbevormundungsmanöver" (ders.) werde sich wegen seiner großen Sprach-/Sprechkomplexität nicht durchsetzen, weil das das genaue Gegenteil zum, oben, Weg des geringsten Widerstands ist. Erst einmal allerdings zieht der Genderstern seine sprachlenkende Bahn von akademischen, sich progressiv dünkenden Zirkeln über 'moderne' Stadtverwaltungen, die öffentlich-rechtlichen Sender, unser gutmeinendes "TOR" bis, inzwischen, zu links- und rechtsidentitären Kreisen - zum Symbol gemacht von einer kleinen Minderheit mit dem Willen, der großen ablehnenden Mehrheit das 'richtige' Bewußtsein beizubringen, illiberal Anschauungen zu oktroyieren. "Die Generation beleidigt" läßt grüßen, die Caroline Fourest in ihrem gleichnamigen Buch mit dem Untertitel "Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei (Critica Diabolis)" beschreibt, dabei den Kreis um alle diejenigen erweiternd, die ahistorisch auf dem Niveau ihres 'fortgeschrittenen Bewußtseins' Geschichte, Literatur, bildende Kunst... bereinigen, aussondern wollen. Noch einmal R. Moritz "Wer das Gendersternchen setzt und es spricht, will solches zumeist nicht, trägt jedoch dazu bei."

 

Nun, für diese nette Runde leuchtender Jonges-Sterne gilt all das nicht. Auf- und abgeklärt wissen sie:

Non solo linguae, sed tempora mutantur et nos in ipsis:

                          

An einem lauen Sommerabend im Biergarten des Oberkasseler Bahnhofs - noch gar nicht lange her, da waren wir noch jung, nun -  Jonges

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