Besondere Tisch–Ereignisse

Mit Sokrates im "Füchschen"
24.08.2018

Mit Sokrates im "Füchschen"

Henkelsaal 'geschwänzt', an mildem Sommerabend lieber draußen vorm "Füchschen" ein paar mehr Alt "auf's Leben!". Dieter (D), Senior von Amts wegen ("Tisch-Seniorenrat") und Rainer (R) und Uwe (U), Alterssenioren, blicken zurück, Lebensphilosophisches, wie man's so macht im fortgeschrittenen Lebensalter. Das recht rustikal und holzschnittartig geratene Fazit „ gefressen, gesoffen, ge...liebt“ am Fusse des Glases als eine dann doch nicht als so gelungen empfundene Metapher für ein gutes, ausgefülltes Leben läßt sie nicht ruhen. Philosophisch geratene e-Nachlese:  

 

Dante, ein wenig frei zitiert (III. Gesang/Hölle), wirft ein: 

"Ich, dem die Haare schon zu Berge standen,

Ich sagte:“ Ihr drei, was ist’s, das ich höre?

Was für ein Fazit, so in des Verstandes Banden?

Ich meinte nicht, Ihr solltet darben.

Las ursprünglich nur die eine kurze Zeile:

Triebe des Essens, Trinkens, Wollust –

Wozu ich halt was sagen musst’,

Und wenn auch nur aus - Langeweile!"

U: Was meint Ihr, hält "gefressen, gesoffen, ge...liebt" wohl dem Dialog des Sokrates mit Kritobolus über „Die Freundschaft“ stand?: "Erlaube mir, lieber Kritobul: Wenn wir eines rechtschaffenen [Heimat- hat er nicht gesagt] Freundes bedürften, wie müssten wir darüber zu Rate gehen? Hätten wir nicht zuerst zu untersuchen, ob er seine Triebe hinsichtlich des Essens, Trinkens, der Wollust zu meistern weiß? Denn wenn er unter der Herrschaft dieser Triebe steht, so kann er weder sich selbst noch seinen Freunden die schuldigen Dienste leisten. Meines Erachtens muß ein Freund das Gegenteil von alledem sein, muß die Lüste des Leibes beherrschen, gefällig und sanft sich zeigen, so dass er kein unnützer Freund ist.“ Junge, Junge – als hätte er mit uns am Biertisch gestanden. (Und er weiß auch schon was zum heutigen Bussigehabe, inzwischen heftig auch zwischen Heimat-Jonges Usus geworden: Sokr. „Du wirst doch auch nicht mit deinem Munde den Mund des Freundes berühren?" Krit.: "Fürchte nichts; auch mit dem Munde werde ich niemanden berühren – der nicht schön ist." Sokr.: "Eben sagst du etwas, was ganz und gar nichts taugt. Denn schöne Leute vertragen nicht, geküsst zu werden, hässlichen hingegen schmeichelt es sehr, weil sie glauben, ihrer Seele wegen schön genannt zu werden.“ Na ja, das nur am Rande.) 

R: Danke für die Erinnerung an den alten Sokrates. Als Kritobul hätte ich allerdings nachgefragt, ob das für alle Altersklassen gilt und ob nicht ein bischen von allem dem Leben mehr Farbe gibt.

D: Welch ein schöner Anlaß, mit Euch über Philosophisches zu reden. Auch wenn der profane Eingangssatz doch eher als arg verkürzende Metapher für ein erfülltes und freu(n)dvolles Leben zu verstehen war und ich durchaus auch andere Lebensbestandteile als Erfüllung eines Lebens ansehe, bin ich da ein wenig mehr bei R, der auch diese profanen Bestandteile durchaus als farbgebend betrachtet. Gleichwohl, lieber U, bin ich nicht nur bei R, sondern auch bei Epikur, der Tugend als höherstehend ansieht als das Philosophieren. Da die Tugend „uns lehrt, dass in Freude zu leben unmöglich ist, ohne dass man ein vernünftiges, sittlich hochstehendes und gerechtes Leben führt, dass es umgekehrt aber auch unmöglich ist, ein vernünftiges, sittlich hochstehendes und gerechtes Leben zu führen, ohne in Freude zu leben. Denn die Tugenden sind mit dem freudvollen Leben eng verwachsen, und dieses ist von jenen nicht zu trennen." Denjenigen, der in diesem Sinne ein tugendhaftes und damit sittlich hochstehendes und gerechtes Leben geführt hat, magst Du zum Freunde nehmen. Mit Verlaub also, auch die Philosophen „springen“ manchmal zu kurz. Hätte er (Sokrates) doch bloß bei uns gestanden, er wäre eines Besseren belehrt worden.

R: So hoch sind wir ja noch nie gesprungen. Respekt, lieber D! Wenn wir so weitermachen, kauf ich mir eine toga.

Dante:

"So hoch, oh R, hatt’ ich die Latt’  nicht legen wollen!

Doch Deinen Corpus in der Toga sehen sollen,

Ist wert noch weitere edlen Schweißes Philo-Tropfen –

Und das erst recht bei Wasser, Malz und Hopfen!

Füchschen-Metaphern, reiche Lebensfarben." 

U: Du siehst, lieber R, Du kommst nicht um das Tragen der toga herum! Ich freu mich schon, Dich bei einem nächsten ersten Dienstag im Henkelsaal so antik wie würdig bekleidet zu sehen. 

U: Und sogleich, mein lieber D, rasch zu Deinem Epikur-Zitat. Doch hör dazu erst einmal Schopenhauer („Eristische Dialektik“): „Jeder also wird in der Regel wollen seine Behauptung durchsetzen selbst wann sie ihm für den Augenblick falsch oder zweifelhaft erscheint. Die Hülfsmittel hiezu gibt einem Jeden seine eigene Schlauheit und Schlechtigkeit einigermaßen an die Hand: dies lehrt die tägliche Erfahrung beim Disputiren: es hat also jeder seine natürliche Dialektik.“ Schauen wir deshalb näher auf Epikur, den „Seelen-Beschwichtiger des späteren Altertums“ (Nietzsche), mit dem Du, lieber D, Sokrates zu widerlegen scheinst: „Oh nein“, sagt Epikur dazu, „diesen Satz schrieb ich nicht gegen Sokrates, ganz im Gegenteil! Wie könnte ich ihm, dem Größten Denker der Alten Zeit widersprechen, da er, längst verstorben, nicht mehr gegenargumentieren könnte?! Und wie könnte ich gar Platon widersprechen, dem Wegbereiter der das Abendland prägenden Kultur der Wahrheitssuche, der über seinen Lehrer Sokrates sagte, jener tue und sage alles, was er tue und sage, mit Vernunft?“ Nein, werter D, Dein Zitat und dieser dem verwandte, erläuternde Epikur-Satz „Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebenso wenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.“ waren als Spitze gegen diejenigen gedacht, die aus seiner Philosophie die Rechtfertigung einer „hedonistischen Lebensweise“ in nachepikureischer, vor allem heutiger, seinen Lustbegriff falsch interpretierenden Ausdeutung ableiten wollen. Tatsächlich ging es Epikur darum, ein gutes, von Wohlbefinden bestimmtes Leben zu führen und dieses in privater Abgeschiedenheit zu teilen [oh D, letzteres erinnert an Deinen früheren reizvollen Vorschlag, eine TGWi- Alters-WG zu gründen!], wo allein die individuelle Lust (ἡδονή), „der Anfang und das Ende des glückseligen Lebens“ das Glück des einzelnen garantiere. Hedonismus als Ideal eines ausschweifenden Lebens, allein auf die Befriedigung sinnlicher Genüsse ausgerichtet [Sokrates’ „Essens, Trinkens, der Wollust“], wird der ethischen Auffassung Epikurs nicht gerecht. Zwar ging es darum, ein Leben lang ein Maximum an Wohlbefinden und ein Minimum an Leid zu erreichen, aber in gemäßigter und kalkulierter Form; nur das  Abwägen der verschiedenen Bedürfnisse und Wünsche, nur Genügsamkeit konnten zur erstrebten Seelenruhe führen [wovon sich „fressen, saufen, huren“ zumindest verbal doch etwas entfernen]. So ist die epikureische Philosophie eher als eine Art Lebenskunst zu verstehen, die Feinsinnigkeit und Kultur in ihr Zentrum stellt, dabei stark auf die praktische Lebensführung ausgerichtet, gleichzeitig aber auch vielschichtiger, als allgemein angenommen (erläutert Daniela Zimmermann in „Das philosophische Lesebuch“). Über dem Eingang zum ‚Garten’, dem Treffpunkt der Epikureer in Athen, hieß es denn auch „Hier werden Deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt“ – es war aber weder Gasthaus noch Hetärenbegegnungsstätte, sondern der Ort, wo die „sinnlichen Begierden“ nur eingeschränkt akzeptiert wurden, sie sich vielmehr auf die kleinen, erreichbaren Freuden richten sollten, um bei Lebzeiten zu vollendeter Seelenruhe zu gelangen. 

WOW! Ihr bleibt stumm?

Dann muss unabweislich hier nun auch Augustinus Aurelius, „einer der einflussreichsten Lehrer der frühen christlichen Kirche“, das Wort ergreifen: „Nicht im Fressen und Saufen, sondern ziehet den Herrn Jesum Christum an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste“ (Römerbrief 13,12 f.). Zeit, auch Petrarca einzubeziehen, der einer Philosophie das Wort redete, die ihre Ergebnisse rein induktiv aus der Beobachtung der Einzeldinge herleitet, sich im Hier und Jetzt des menschlichen Lebens vollzieht. Montaigne („Philosophieren heißt sterben lernen“) findet hier auch einen Platz: „In der Freundschaft – im Gegensatz zur Zuneigung zu den Frauen (Fieberglut) - dagegen herrscht eine allgemeine Wärme, die den ganzen Menschen erfüllt und die immer gleich wohlig bleibt; eine dauernde stille, ganz süße und ganz feine Wärme, die nicht sengt und nicht verletzt.“ Kommen wir noch kurz zur pessimistischen Strömung in der Philosophie, zu Schopenhauer: „Der Wille, dieser blinde und dunkle Trieb, wirkt durch alles hindurch, von der Materie über die Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen. Es ist der Wille zum Leben, der ohne Ziel und Zweck nur sich selbst erfüllt, der sich in einem ewigen Werden, in einem endlosen Fluß in jedem Körper manifestiert. Wir selbst sind immer nur ein Sklave des Willens, der nicht unser eigener ist, sondern etwas Übergeordnetes.“ Und auch Kirkegaard mischt mit, Begründer der Existenzphilosophie: Der einzelne kann durch die tiefe, lebendige Einsicht in sich selbst zu seiner eigenen Wahrheit finden und so ein authentischeres Dasein führen – aber: Dazu ist der Bruch mit der Masse, ihren Lebensgewohnheiten und Selbstverständlichkeiten unumgänglich. “Man erwäge doch bitte", wirft Nietzsche gleich ein: “dass aus diesem Mangel an Beobachtungssinn sich fast alle leiblichen und seelischen Gebrechen der einzelnen ableiten: nicht zu wissen, was uns förderlich, was uns schädlich ist, in der Einrichtung der Lebensweise…in Beruf und Muße …, Essen, Schlafen und Nachdenken…“      

D, R und U unisono: So sind wir auf vielen Umwegen ums Thema herum unterwegs gewesen, aber mit Hegel gilt schließlich „Der Weg des Geistes ist der Umweg“!

U: Versöhnen möchte ich die verschiedenen Philosoph(i)en mit, wie es sich gehört, dem größten Denker, Aristoteles: „Man verknüpft die Seele mit dem Leib und versetzt sie in diesen, ohne zu bestimmen, worauf die Verbindung beruht und wie beschaffen der Leib ist…. Denn es ist eine Folge ihrer Gemeinschaft, dass das eine wirkend, das andere leidend sich verhält, das eine bewegend, das andere bewegt.“ Was das mit dem Ausgangszitat zu tun hat? Nun, Philosophie hat etwas Rätselhaftes, so wie das Orakel von Delphi.

 

Und so enden wir, prosit!, dass uns zwar ein „in diesem Sinne tugendhaftes und damit sittlich hochstehendes und gerechtes Leben“, die Heimat"freundschaft, die immer gleich wohlig bleibt", am Herzen liegen, aber einem jeden von uns auch das Allzumenschliche, dem Himmel sei Dank!, durchaus vertraut ist. 

 

 

PS

U muss doch nochmal nachhaken zu: R's „Wenn wir so weitermachen, kauf ich mir eine toga“: Promissa tua custodiri! Ich will Dich in der Toga sehen!

Denn:

All mein Sinnen, all mein Trachten

Wofür? Doch wohl, darauf zu achten,

Wie, den Römern gleich, der Rainer

Die Toga trägt - wie vor ihm keiner!

Habe nun, ach! die Weisheitslieb’ durchaus studiert,

Philosophie genannt, und eruiert,

Was kluge Männer sich gedacht

Zum Männerspruch in "Füchschen"s lauer Nacht.

Da steh ich nun, ich armer Tor,

doch diesmal - klüger als zuvor!

„So hoch sind wir noch nie gesprungen“,

Der Sophismus scheint uns wohl gelungen.

 

(Ob Kirchenlied, ob Goethens Faustus,

Am besten, U, Du klaustes)

 

aufgezeichnet von Lit 

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