Besondere Tisch–Ereignisse

Coronavirus (2) - "Social Distancing"
25.04.2020

Coronavirus (2) - "Social Distancing"

Der Corona-Beitrag vom 17.03.2020 zeigte die Auswirkungen der aufziehenden Krise auf Jonges-Verein und unseren Tisch. Hier wollen wir ganz allgemein dem Gang dieser Krise folgen, dem "schlimmsten Ereignis seit Ende des 2. Weltkriegs" (Kanzlerin Merkel in ihrer Ansprache an die Nation).

Das Corona-Virus alias Sars-CoV-2 alias Covid-19, ein wohl auf einem Lebend-Tier-Markt vom Tier auf den Menschen als Wirt gewechseltes Virus, erlebte Evolution der Natur also - wenn man nicht gerade den offenbar unvermeidlichen Verschwörungstheorien aus unterschiedlichsten Quellen anhängen will. Ein, so schien es, grippeähnliches Virus mit Befall der Lunge, derzeit noch nicht behandelbar, nicht vorbeugbar durch Impfung und mit schnell grassierender globaler Ausbreitung 'dank' millionenfacher Flugreisetätigkeit. Länder wie USA und Brasilien mit Präsidenten 'Großego>Verstand' machen sich zunächst eher lustig über das "China virus".

Wir hingegen rekapitulieren lieber Schulmathematik, erschreckt über die Exponentialfunktion der Verbreitung. In der folgenden Grafik werden verschiedene Ansteckungsraten (R0) angenommen, um zu zeigen, wie unterschiedlich so ein exponentielles Wachstum aussehen kann:

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Vergleich 3er verschiedener exponentieller Wachstumskurven des Coronavirus.

Grün zeigt die Neuansteckung von 2 Patienten durch einen aktuell Erkrankten, rot von 2,2 und blau von 2,4. Schon hier ist deutlich zu sehen, dass bereits eine kleine Steigerung der Ansteckungsrate eine massive Steigerung der Fallzahlen im späteren Verlauf zur Folge hat." (W. Ortmann, Krankheitsstatistikerin)

Lebt denn das Virus nach Tröpfchen-Ausscheidung nicht nur ein paar Stunden - wie soll es da uns erreichen? glaubt so mancher. Bis in Bayern der erste Fall auftritt, bis in Heinsberg eine Karnevalveranstaltung zum Infektionsherd wird, bis der uneingeschränkt gefeierte rheinische Kaneval das Virus x-fach herumsprüht, bis die vor Karneval zum Skilaufen nach Südtirol und Österreich Geflüchteten in großer Zahl von dort die Ansteckung mitbringen (Ischgl ein Hotspot, von 1 Barmann ausgelöst).

Problematisch scheint das Virus besonders für die sog. Risikogruppe, die älteren Jahrgänge > 65, besonders wenn sie Männer sind und gesundheitlich vorgeschädigt.

Wir sehen die häßlichen Szenen des Hortens mit der Folge leer gefegter Regalreihen in den Supermärkten insbesondere bei Desinfizierungsmitteln, Konserven, Haushalts- und vor allem Toilettenpapier. In der kurzen Phase bisher wurde das 7-fache des in vergleichbarer Zeit üblichen Kaufs an Toilettenpapier gehamstert - "die Franzosen hamstern in der Krise Rotwein, die Briten Scotch und die Deutschen - Klopapier".

Existentielle Angst kommt auf. Primär natürlich die Angst um die Gesundheit angesichts einer einstweilen nicht behandelbaren Grippe(?)art mit hoher Infektionskraft der Lungen, vergleichsweise langer = unentdeckter Inkubationszeit, vielen Todesfällen. Aber nun auch die Angst um die persönliche Zukunft angesichts einer durch die Epidemie - zwischenzeitlich zur Pandemie hochgestuft -  gefährdeten globalen wie lokalen Wirtschaft, wo sich die Auswirkungen in Form einer möglicherweise großen Zahl von Insolvenzen insbesondere im zu Recht stolzen Mittelstand, im heterogenen Feld der Selbständigen, bei Gastronomen, Hoteliers usw. gerade erst abzuzeichnen beginnen. Folgend die Angst um die Arbeitsstellen.

 

Wenn diese Krise hoffentlich bald und einigermaßen endgültig hinter uns liegt, werden sicher viele Fragen zu stellen sein, in der Politik, der Wirtschaft, dem Gemeinwesen, dort insbesondere im Gesundheitssektor. Welche Schlußfolgerrungen werden gezogen, ziehen wir jeder von uns für sich? Wird es ein 'back to usual' geben, oder finden wir neue Ansätze etwa einer international funktionierenden Politik, einer auch wieder stärker auf Standortrisiken und Standortdiversifizierung achtenden Wirtschaft, des kritischen Überdenkens des - wie sich nun gezeigt hat - zu arg auf Kante genähten 'global sourcing' 'just in time'? Keinesfalls aber sollte dies in einer so exportorientierten Volkswirtschaft wie unserer dazu (ver)führen, alles auf heimische Produktion zurückzufahren, Importe kräftig zu reduzieren. Vielmehr geht es um mehr (welt)regionale Redundanz, parallele Beschaffungsstrukturen auch zum Schutz der Lieferketten vor Unvorhergesehenem: "Es ist ökonomisch wenig sinnvoll, zwei Nieren zu haben. Wenn aber eine ausfällt, weiß man sie zu schätzen."(Nassim Taleb in "Der schwarze Schwan"). 

"Home Office", im Moment die Maßnahme, um die Büromenschheit zu distanzieren - auf Sicht vielleicht eine echte Option neuer Arbeitsgestaltung? Aber Vorsicht, das will in seinen längerfristigen Nebenwirkungen erst einmal gut untersucht sein.

Und, horribile dictu, müssen wir nicht auch der Frage nachgehen, wie sich doppelte Berufstätigkeit in Familien in dieses Bild fügt, wenn das gesundheitlich gebotene Schließen von Schulen und Kinderhorten zum volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem wird? Wenn Gesundheitssektor, Polizei, Feuerwehr... durch Elternpflichten der Akteure an Einsatzgrenzen stoßen?

Schaffen wir es, wieder wegzukommen vom Einfluß intellektuell oft eher unterbelichteter Machtmenschen mit übergroßem Ego auf weite Wählerschichten, die ihnen allzu leicht/gern 'auf den Leim gehen'? Die in einer solchen Situation nur an sich denken (Trumps Wiederwahlfixierung, Putins 'Präsident für immer', Netanjahus korruptonsbedingte Angst vor dem Gefängnis, Bolsanaro, Erdogan undundund). Die nicht einmal sinnlose Kriege wie die in Syrien und im Jemen beenden wollen, verbunden nun durch Corona zusätzlich mit gesundheitlichen Risiken für Millionen Flüchtlinge.  

Und Und Und.

 

Die erste Ansprache unserer plötzlich aus der Versenkung aufgetauchten Kanzlerin außerhalb ihrer Neujahrsansprachen: "Es ist ernst. Und nehmen Sie es ernst!". Drohende Ausgangssperren. Ein Teil der Jugend und der noch nicht so Alten nimmt's anfangs nicht ernst, eher leicht, macht Corona-Party. Aber Bayern-Söders Alleingang  am 20. März mit noch nicht Ausgangssperre, aber fast heranreichenden "verschärften Ausgangsbeschränkungen" kommt als Weckruf an: Am 21. und 22. März ist das hiesige Rheinufer party-, sport- und gruppenbildungsfrei, selbst auf der berüchtigten Treppe am Schloßturm hält man sich an Vereinzelung und Abstand. Die Altstadt ist gespenstisch leer. Und die "Kö" mit geschlossenen Geschäften ist kunden-, also sinnentleert, man könnte - aber wozu? - in Längsrichtung parken und dabei noch reichlich Autoabstand einhalten.

Erstes Gipfeltreffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder am 23. März: 9 strafbewehrte Regeln umfaßt der Bund-Länder-Beschluß, vor allem ein für die Republik flächendeckend mindestens 14 Tage geltendes Verbot von Ansammlungen von mehr als 2 Personen. (Die in den in Europa derzeit am stärksten betroffenen Ländern Italien und Spanien verhängte Ausgangssperre bleibt bei uns in der Schublade.)  

Man kann die Lage aber auch so sehen wie in einem Leserbrief zweier Abiturienten in der FAZ am 19. März: "... Im Umgang mit der Coronakrise zwingt und verurteilt  der Staat die Menschen ... aus Solidarität den Alten und Schwachen gegenüber zur kollektiven Aufgabe aller Freiheiten...". Und gleich darunter haut eine 75-Jährige in eben diese Kerbe, nur drastischer: "... Wie kann man eine Welt lahm legen nur für einige tausend alte Menschen!... Warum kann man die ältere Generation nicht einfach in Quarantäne versetzen, so dass die übrige Bevölkerung den Alltag und die Freiheit erhält?" OK, diskutierbar, warum eigentlich nicht - wenn es denn hülfe. Aber es ist doch sehr kurz gedacht. Denn das Virus beschränkt sich nicht auf die über 65-Jährigen mit Vorerkrankungen, dabei "den Alltag und die Freiheit" der übrigen Alterskohorten verschonend.

 

Gewaltige finanzielle Hilfsprogramme werden angeschoben, auf Landes-, Bundes-, EU-Ebene; die berechtigte haushälterische Frage nach dem Wie der Finanzierung gilt als erbsenzählerisch. Die "schwarze Null" nebst 'Schuldenbremse' für Bundes- und Länderhaushalte gilt von jetzt auf gleich nicht mehr, die EU-Vorschriften zur Haushaltsdisziplin werden ausgesetzt. Und die Börsenkurse sind noch nie so rasant in so kurzer Zeit abgestürzt, der DAX um 40 % vom Höchststand 13.789 am 19.02. auf 8442 am 18. März.   

"Sobald die Kurse, wie jetzt, auf die Unternehmensbuchwerte, die Substanzwerte sinken, geht es wieder aufwärts mit den Kursen" trösten sich und uns Banker mit Börsenweisheit. Voraussichtlich steht uns eine aufregende Achterbahn der Anlegeremotionen und damit der Kurse bevor. Und als hätte er zugehört, der DAX, ging er am Tag nach dieser Zeile als Tagesschlußkurs auf etwas über 10.000, tags darauf zurück auf auf 9.500, kletterte im weiteren Verlauf bis nahe an 11.000 und auch wieder ein Stück zurück. Rationalere Begründung: Die irre Liquidität der weltweiten Stützaktionen, die in die Märkte schwemmt, will angelegt sein, soll verdienen, nicht beim Anleger Negativzinsen auslösen.    

 

Der Papst hilft am 27. März mit einem Extra-Segen "urbi et orbi", den es eigentlich  nur zu Weihnachten und Ostern gibt. Und zu Ostern hält er die traditionelle Messe im Petersdom mutterseelenallein für ein globales Bildschirmauditorium.

 

Ein paar Pandemien zum Vergleich:

"Asiatische Grippe", das Stichwort löst nur ein schwaches "da war doch was" aus: Nachgeschaut in der "Chronik der Deutschen": "Die Asiatische Grippe, 1957 und 1958, ist die zweitschlimmste Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts, übertroffen nur durch die Spanische Grippe 1918 bis 1920. Die Asiatische Grippe hatte ihren Ursprung in China und erreichte im Frühsommer 1957 Deutschland. Insgesamt fielen in Deutschland der Asiatischen Grippe rund 30.000 Menschen zum Opfer." Gleichwohl löste sie keine nennenswerten Maßnahmen aus. Händewaschen wurde dabei noch nicht genannt, dafür das Gurgeln mit Wasserstoffsuperoxid sowie das Einnehmen formalinhaltiger Tabletten, das Meiden von Menschenansammlungen und von hustenden Menschen sowie Behandlung mit ultravioletter Bestrahlung. (Quelle SWR2 Archivradio). Etwas über 10 % der Belegschaften fielen aus, im produzierenden Bereich sogar ein Krankenstand von 25 - 30 % mit der Folge von 1/3 geringerem Produktionsausstoß und entsprechendem Umsatzschwund. Schließung von Schulklassen - nicht etwa der Schulen! -, wenn 50 % der Schüler einer Klasse erkrankt waren.

 

Spanische Grippe. 1918/19/20 kostete sie in 3 Ansteckungswellen mit vermuteten 25 bis 100+ Millionen Toten mehr Menschen das Leben, als im I. Weltkrieg gefallen waren (die US-Infanterie verlor mehr Soldaten durch die Grippe als durch Kampfhandlungen). In den USA starben ca. 675.000 Menschen, im Deutschen Reich ca. 300.000, in Indien geschätzte 17 Millionen. Hierzu muss man zusätzlich beachten, dass sich damals die Weltbevölkerung auf nur etwa 1,8 Milliarden Menschen belief, etwa 1/5 von heute - was heute rechnerisch 75 bis 500 Millionen+ Toten hieße. 

 

Russische Grippe 1889/90, ausgelöst durch einen Erreger, der mit dem aktuellen Pandemievirus verwandt ist, von Rindern auf den Menschen übergesprungen. Er hatte sich von Zentralasien rasend schnell ausgebreitet. 1890, nach kurzem Abflauen, schlug eine zweite Welle zu, härter noch als die erste. "Diese Grippe, möglicherweise eine Coronaseuche,die erste der Neuzeit, tötete in wenigen Jahren 1 Million Menschen. Heute ist ihr Auslöser - HCoV-OC43 - nur noch einharmloses Schnupfenvirus. Mangels historischen Gewebematerials läßt sich ein Nachweis nicht führen, doch sind die Symptome von damals denen von Covid-19 auffallend ähnlich, einschließlich des Verlusts von Geruch und Geschmack. Wissenschaftlich bewiesen allerdings ist der Zusammenhang der Russischen Grippe mit einem Corona-Virus nicht." (FAZ)

 

Das schweizerische BAG Bundesamt für Gesundheit schreibt zu solchen "Historischen Grippepandemien: Die genetische Veränderlichkeit der Influenza A-Viren wird auch in Zukunft zum Auftreten von neuen Stämmen und Subtypen führen, gegen welche ein Grossteil der Menschen nicht immun ist. Wann ein neues Virus und somit die nächste Pandemie auftritt, lässt sich kaum vorhersagen."

Nun ist sie da.

 

Fortsetzung 13.05.2020

 

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