Besondere Tisch–Ereignisse

"Der Oper neue Kleider" Opera tragicommedia in 3 Akten, 1. Akt "Idee"
01.05.2019

"Der Oper neue Kleider" Opera tragicommedia in 3 Akten, 1. Akt "Idee"

"Opera Nuova a Dusseldorf oder Der Oper Neue Kleider",

opera tragicommedia comunale in 3 Akten (1. Mai 2019, 29. Mai und 15. September 2021) und einem Zwischenspiel (29. Juli 2021)

Musik: verschiedene Komponisten

Mitwirkende: viele

 

1. Aufzug

Düster Szene und Musik wie im 1. Akt "Fliegender Holländer" (Wagner): Der Chor der Bauleute tritt auf: "Das Opernhaus ist marode. Komplettsanierung sauteuer, vergleiche Oper Köln. Neubau muss her!"

 

Dissonanzen prägen den Fortgang einer Diskussion um ein städtebauliches Leuchtturmprojekt.

Verblüffend ist, wie dieses Thema angegangen wird: Auf's Äußere konzentrierte Architektur-Konzepte purzeln auf den Tisch, Standorte werden vorgeschlagen, ohne dass vorher auch nur ein fundierter Gedanke darauf verwendet wird, was ein Opernhaus in den nächsten 50 bis 100 Jahren eigentlich ausmachen wird/soll/muss! Zwar sagt ein jeder, vor Bau und Standort müssten erst einmal die neuen Inhalte geklärt werden. Doch ehe das vertieft wird, ist man schon wieder bei Bau und Standort, inkludent also Opernbetrieb ceteris paribus, nur in neues bauliches Gewand gekleidet. Als wenn wie selbstverständlich davon auszugehen wäre, dass sich nach dem Aussterben des jetzigen opernkulturtragenden, sehr kleinen Bewohneranteils junge Generationen in genügender Zahl einfinden würden.

 

2. Aufzug

(Lit s)eine Polemik:

Düsseldorfer Neue Oper   -    Gilt “Form Follows Function” nicht mehr?

 

Seit bald 200 Jahren kennt die Architektur die nahezu axiomatische, zugegeben nicht gänzlich unstrittige Architekturformel „Form Follows Function“ (um 1850), wonach sich die Form eines Gebäudes von seiner Funktion ableitet; „where function does not change form does not change“ (L. Sullivan, Chicago 1896). Inhaltlich gilt dieser Grundsatz freilich schon seit der Antike: Kein babylonischer, ägyptischer, griechischer, römischer Prachtbau, Tempel, keine Kathedrale, allgemein: kein 'für die Ewigkeit’ gebautes Bauwerk, das nicht sein Äußeres von seinem inneren Zweck, seiner Funktion abgeleitet hätte: Äußere Form nicht um ihrer selbst willen.

Soll dies ausgerechnet in Düsseldorf und ausgerechnet für ein anstehendes Jahrhundertbauwerk nicht gelten? Vielleicht geschuldet dem Ruf unserer Stadt, auf das Äußerliche, weniger den Inhalt  zu achten?

 

Will in der aktuellen Stadtdiskussion zum Neuen Opernhaus sagen: Bevor so intensiv wie seit einigen Monaten in der Öffentlichkeit und neulich auch im Dienstagstreff der Düsseldorfer Jonges (vgl. Bericht im „TOR“, Heft 05/2019, S. 4-6) die äußere Gestaltung des Gebäudes („form“) debattiert wird, sollte doch eigentlich die Frage vorab stehen:

Welche Zukunft wird „Oper“ in den nächsten sagen wir: 50 bis 100 Jahren haben, wie wird sich „Oper“ entwickeln, wie sich im Inneren (Wesen, Auftritt, innere Räumlichkeiten vor und  hinter Bühne und Orchestergraben) darstellen („function“)?

 

Wird sie, die Zukunft, irgendwo liegen zwischen festlich – banal – digital?

  • Festlich („Lüster“ im 1. Obergeschoß als Stilmittel, vgl. RP vom 01.05.2019) gestalteter Opernbetrieb heute quasi unverändert seit der (groß)bürgerlichen Übernahme aus dem höfischen Umfeld, wenn auch heute nur mit Mühe, also Subventionierung finanzierbar, wobei an eine betriebswirtschaftliche Amortisierung eines Neubaus aus Ticketverkauf schon gar nicht zu denken ist
  • Tendenz zu einer eher banalen Veranstaltungsform innerhalb der Spannbreite zwischen Popkonzert und Stand-up-Comedians
  • Ganz neue Ansätze mit Blick auf die rasch fortschreitende Digitalisierung unseres Lebens

Zu 1: Für mich als im Wortsinn altem, in der festlichen Tradition groß gewordenem Opernfreund wäre das erfreulich – und dann genügten ein paar Seiten- und Probenbühnen, neue Technik und mehr Platz, wie von der Opernhaus-Direktorin als einzigem gestalterischen („function“) Zukunftsaspekt für das „Haus für Eliten im fortgeschrittenen Alter“ (Zitat im “TOR“) erwähnt. Aber eher weltfremd, also eher unwahrscheinlich. Höre ich, statistisch natürlich insignifikant, die Stimmen der durchaus bürgerlichen Enkelgeneration, dann sind mit flachem und aus der Zeit gefallenem Libretto und Inszenierungen irgendwo zwischen plüschig und auf modern getrimmt nur noch wenige Teens und Twens in den klassischen Opernbetrieb zu locken. Ob sie zurückkommen, wenn die Haare ergraut sein werden? Darauf wollte ich bei Bausummen im hohen 3-stelligen Millionenbereich nicht wetten.

Zu 2: Die seit einigen Jahren stark fortschreitende Banalisierung in der Kleidung von Opern-Besuchern spricht für die Tendenz „Oper nicht mehr ein festlich-besonderes Ereignis, sondern als eine unter vielen Varianten eines eher flachen Unterhaltungsbetriebs“. Allerdings: Je mehr solcher unterschiedlicher Veranstaltungsformen im „Neuen Opernhaus“ realisiert werden, desto besser für die Auslastung, die Ökonomie des Hauses, die Ticketpreise, die öffentliche Subventionierung.

Zu 3: Wenn jüngst (in der RP von…?) ein sogenannter Zukunftsforscher die Zukunft der Büroberufstätigkeit in den nächsten 30 Jahren so sieht, dass jeder für sich zuhause seine Arbeit durch HI und/oder eher KI erledigt und "nur ins Büro geht, um mit den dafür ebenfalls kurz ihre Heimtätigkeit unterbrechenden, ihren Bü-Robo verlassenden Kollegen Fitness- und Jogakurse und ein wenig Flirtgeschehen zu erleben" (Corporate Identity mal anders gedacht), dann lässt sich das auf „Oper“ vielleicht so übertragen:

Die eigentliche Oper erlebt man künftig zuhause: Das Libretto der für den Tag angesagten Oper wird im DUS-Kulturkanal durch Dieter Nuhr d.J. leicht satirisch erläutert, also auf Neuzeit übersetzt, sodann hört man im 128-Kanal-Ton und sieht 360°-mäßig per Streamingdienst die  aus den berühmtesten Inszenierungen weltweit zusammengefügte Oper, im 1. Akt in der klassisch-höfischen Kostüm- Inszenierung, im 2. Akt in kontemporärem Gewande mit neuzeitlicher Kulisse und im 3. Akt, in dem die Hauptprotagonisten ariengedehnt zu sterben pflegen, pudelnackt, gewagt/shocking!, wie es zeitgeistige Regisseure in futuristischer Kulisse gerne haben.

Anschließend begibt ein jeder sich, wahlweise ähnlich gekleidet, ins „Opernhaus“, um zu sehen und gesehen zu werden, im günstigen Fall mit Freunden und Bekannten das zuhause erlebte Aufführungsevent nachzuerleben oder/und einfach nur die Zugehörigkeit zur (dann noch als elitär empfundenen?) Operngemeinde ('opera identity') zu leben. Dafür braucht es dann in dieser Übertreibung keine großen Innenräume mit Rängen in teuer-kunstvoller Gestaltung, keinen Orchestergraben, kein technisch wie wirtschaftlich aufwendiges backstage mit Schnürboden, ja nicht einmal Protagonisten und Musiker! Sondern ‚nur’ einen großen Get-together-Saal nebst Popcorn-Gastronomie in ästhetischem Gewande.

 

3. Aufzug

Ausblick

 

Zurück zur Ausgangsfrage: Erst wenn sich Entscheider, Kenner, Genießer und Gestalter ernsthaft auf eine wahrscheinliche Entwicklungslinie („function“) für die Zukunft der Oper der nächsten 50 – 100 Jahre als Musikform, als Teil des öffentlichen Lebens und als Räumlichkeit verständigt haben werden, kann entschieden werden, wie und auch wo die äußere Form realisiert werden soll.

 

Das braucht Zeit, die die desolate aktuelle Opernhaustechnik nicht hat? Macht nichts, stellen wir uns als Musikliebhaber einfach auf einige Jahre konzertanter Oper ein und genießen den musikalischen Kern! Gut bedacht, ist das dann kein „Provisorium ohne Bühnenbild“ („TOR“), sondern kann als künstlerisches Genre ganz eigener Art gestaltet werden: So erinnere ich mich begeistert an eine sehr ansprechende konzertante Opernveranstaltung im Opernhaus von Palermo vor 40 Jahren und, noch viel eindrucksvoller, an die konzertanten Central Park Summer Operas der frühen 70-er-Jahre d.v.Jh. in der Konzertmuschel vor dem mit zig-tausenden Besuchern auf Picknickdecken gespickten Great Lawn des N.Y. Central Park mit den Topkräften der Metropolitan Opera unter Sternenhimmel. Weit gedacht, könnte das sogar eine Anregung sein, wie man unsere „Oper“ neuzeitlich gestalten könnte. Vielleicht mit einem Glashimmel à la Ständehaus oder gar einer sommerlichen Öffnung bzw. Konzertmuschel zum Hofgarten und KöBogen1 hin...

Verzichten auf Schnürbodentechnik, also Kulissengeschiebe, auf teure ambitionierte Regie weltweit 1001-mal inszenierter, zumeist inhaltlich recht dünner Libretti, etwa mit Nackedeis und ähnlichem auffällig gemacht. Die konzertant vorgetragene Oper schafft die musikalische Intensität eines Oratoriums, einer Messe ohne die mimischen Anstrengungen zu Liebe, Leid und Tod. Denn "ob es die Worte sind, die das Herz bewegen, oder ob die Töne stärker sprechen" (Richard Strauss' "Capriccio"), ist wohl für die Gattung Oper eindeutig zugunsten der"Töne" beantwortbar.

 

Erfahren so, wie klein der Kreis der Opernmusikliebhaber (geworden) sein mag. Fragt doch mal in Eurem Familien- und Freundeskreis nach der Antwort der potentiellen Kunden der nächsten 50 Jahre, der jetzigen Spät-Teenies und Jung-Twens.

 

Unfreiwillig wurde die konzertante Aufführung hier in junger Vergangenheit schon mehrfach praktiziert, weil die Bühnentechnik während der Aufführung versagte. Wer braucht da Szenenbilder, Kostüme, den 1.001-ten Regieeinfall zum selben Libretto (nicht umsonst: das Büchlein)?

- und die Betriebskosten sinken signifikant.

 

 

Ach, übrigens, um keine falsche Vorstellung zu wecken: Hört von Jugend an gern Opern..., gerade auch in Opernhäusern, Euer

 Lit

 

2. Akt "Euphorie" s. 29.05.2021

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