Besondere Tisch–Ereignisse

"Der Oper neue Kleider", 3. Akt "Ernüchterung"
15.09.2021

"Der Oper neue Kleider", 3. Akt "Ernüchterung"

Fortsetzung v. 29. Juli 2019

 

3. Akt „Ernüchterung“

Musikalisch untermalt ähnlich den Endtakten aus Tschaikowskijs „Eugen Onegin“, 3. Akt.

Jonges-Befragung zum Opernthema (Rolly „So gut wie eben möglich soll die „Meinung der Jonges“ von einer möglichst breiten Basis aller Mitglieder getragen werden“, Düsseldorfer Jonges Almanach, S. 107). Von 3.250 Jonges (100 %) bekunden zur Vereinsfrage „Braucht Düsseldorf eine Oper?“ 2.633 Jonges oder 81 % ihr wie auch immer begründetes Desinteresse an der Opernfrage. Nur 620 Jonges (19 %) stimmen ausdrücklich mit „ja“, von denen, horribile dictu, auch noch knapp 90 % zu den Altersrängen gehören, die für „Opernhaus 203+“als Kunden nicht mehr relevant sein werden.

 

Die Jonges sind schichtenspezifisch eher kein Abbild der Düsseldorfer Bewohnerschaft. Umso düsterer dürfte das Resultat einer Befragung aller Bürger ausfallen – „let it be!“, raten daher die Beatles. Insbesondere mit Blick auf die für die Zukunftsfähigkeit der „Oper 203+“ entscheidenden Jahrgänge der ca. ab 1995 Geborenen.

Dieser Blick auf diese Jahrgänge wird in der bisherigen Diskussion zum zukünftigen Inhaltlichen erstaunlicherweise komplett ausgeblendet. Fast alle sich an der Opern-Diskussion Beteiligenden schauen verwundert bei dem Hinweis, dass nicht Lösungen für ein neues Haus mit Opernkultur für den Geschmack heutiger Besucher gesucht werden. Verkennen die Kernfrage, wie ein solches Haus in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts für die Kunden von dann attraktiv und den städtischen Haushalt schonend betrieben werden kann/soll.

 

Statistisch völlig daneben ist die auf 600.000 Bürger verallgemeinernde Schlussfolgerung aus dem Votum eines Minipanels von der Stadt berufener 30 (!) Bürgerräte zur Oper: „Eine Oper für alle ist der größte Wunsch. Die Bürger wünschen sich eine zentrale und ganztägig offene Oper mit kulturell vielfältigen Angeboten“ (Rhein. Post, 26.08.2021, S. C2). Übrigens lässt das ebenda zitierte Lob des OB für die Bürgerräte tief blicken: Deren nur an der Oberfläche der inhaltlichen Anforderungen (s. Akt 2) von Generalintendant Prof. Meyer kratzende Aussagen lobt der OB „Die Chefetage im Rathaus wäre auch nicht zu anderen Ergebnissen gekommen“. So sieht das Ergebnis nach gut 2 Jahren denn auch aus. (Musikthema "Anything Goes", Musical Cole Porter). Nebenbei verrät Dr. Kellers Konjunktiv "wäre gekommen" ungewollt, dass man sich im Rathaus gar nicht erst um Ergebnisse bemüht hat...

 

Zu Kurt Weills Musik aus "Die sieben Todsünden der Kleinbürger": Verblüffend eigentlich auch, dass in der ganzen Diskussion seit gut 2 Jahren jenseits der Gesamtbeträge für Totalsanierung bzw. Neubau keine Zahlen auftauchen. Daher ein paar Zahlen noch zum ernüchternden Schluss von Lits "Der Oper neue Kleider":

 

Grundfrage: Wieviele Kunden können nach 2035 bzw. in der 2. Jahrhunderthälfte mit welchem Angebot für Oper als zentraler Aufgabe des Hauses und mit bislang unbekanntem Multifunktionalem drum herum einigermaßen kostendeckend gewonnen werden?

Aktuelles Kundenaufkommen Oper/Ballett vor Corona: 150.000 (Städt. Statistische Daten 2018). Legt man die 2018 ermittelte Altersgruppenzugehörigkeit darüber, fallen mit Blick auf „203+“ 70.000 dann > 77 Jahre und 10.000 dann > 70 Jahre alte Kunden weg. Bleiben mithin aus dem bisherigen Kundenaufkommen ca. 70.000, die dann ‚unter 47 bis 70 Jahre‘ alt sein werden.

Theoretisches Neupotential zum teilweisen Ausgleich: Von den ca. 135.000 seit 1995 in Düsseldorf Geborenen rechnen wir trotz derzeit deutlich geringerem Operninteresse dieser Altersgruppe großzügig 20 % = 27.000 dann 35 Jahre und jünger. Ergänzt um die Alterslücke 35 – 47 Jahre, aus der wir einfachheitshalber 10.000 als interessiert rechnen. In der Summe also 37.000 potentielle Neukunden. 

Zusammen etwa 100.000 bis 110.000 Besucher aus 70.000 Alt- und 30.000 bis 40.000 Neukunden, erkennbar zu wenig.

 

In Geld: Unterstellen wir im Durchschnitt bei der 70.000-Gruppe 2 Opernbesuche pro Kopf und Jahr und bei den Jüngeren 1 Besuch und gehen ab 2035 von einem durchschnittlichen Kartenpreis von großzügig 80 Euro aus (aktuell ca. 40 €), so ergibt sich in Summe ein gerundetes Eintrittskartenaufkommen von ca. 14 Millionen Euro. Dem stehen jährliche Tarif- und Sachkostenbeträge von aktuell > 40 Mio. € gegenüber, die in der 2. Jahrhunderthälfte, sagen wir, auf 80 Mio. € steigen werden. Ergänzen müsste man dies um eine gedankliche ‚Amortisation‘ des Neubaus von 10 Mio. € p.a. (vermutet 1 Mrd. € Baukosten verteilt über 100 Nutzungsjahre). Aber selbst ohne sie wird die Schere zwischen Gesamtkosten und Kundenbeitrag weiter aufgehen: „Millionengrab“ – traurig umspült von Wagners Musik aus „Götterdämmerung“, Ende 3. Akt: Die Rheintöchter werden Hagen, pardon den (dann amtierenden) OB mitsamt der Oper in die Rheinfluten ziehen…

 

Im Stadtgespräch haben wir viele mehr oder minder interessante Architekturvorschläge gesehen inklusive einer wagemutigen Komplettüberbauung des Rheins zwischen Hafengebiet rechts- und Heerdt linksrheinisch. Standorte wurden diskutiert, begrüßt und verworfen. Und müssen nach 2 ½ Jahren konstatieren, dass der zentrale Punkt der inhaltlichen Konkretisierung eines Opernhauses für die 2. Hälfte dieses Jahrhunderts und weit darüber hinaus immer noch nahe null liegt.

 

Ziehen ernüchtert auch ein wirtschaftliches Fazit: Die altersbezogene Kunden- und die Kostenentwicklung – ohne eine erfahrungsbasierte Verzwei- bis Verdreifachung der Gesamtkosten kommunaler Großbauten – lässt in der Tat ein „Millionengrab“ befürchten.

 

Es sei denn, es würde gelingen, den Anteil der Bevölkerung an zahlenden Besuchern insbesondere aus „der Jugend“ und aus den zum Teil großen Bevölkerungsgruppen mit ausländischem Hintergrund durch neue Opern-, Musikkonzepte und die angekündigte multifunktionale Angebotserweiterung signifikant zu steigern. Bei „Oper“ sind Zweifel angebracht, denn nicht nur in Düsseldorf, sondern bundesweit rätseln die Opernprofis bislang lösungslos, wie man die ganz überwiegend operninaffine Jugend für Oper interessieren könnte (so auch Prof. Meyer beim Jonges-Podiumsgespräch 24.08.2021). Ähnliches gilt für die etwas Älteren und große Teile der Mitbürger mit ausländischem Hintergrund, die sich bislang schon nicht für Oper interessiert haben.

 

Wenn man aber noch nicht einmal das weiß, wie will man dann rechtfertigen, vor allem anderen die Standortfrage zu entscheiden („ bleiben nur noch 3 verbleibende Standorte H.-H.-Allee, Kaufhof Wehrhahn, scheele Sick der südlichen KÖ in der Entscheidungsfindung der Projektgruppe Oper“, Rhein. Post 11.09.21)?! 

 

Wer soll denn und wann die Ideen liefern, um das Opernhaus „tagsüber vibrieren und zum urbanen Schmelztiegel der Künste, der urbanen Gesellschaft“ werden zu lassen, gar einen städtebaulichen Bilbao-Effekt auszulösen?

 

Müssen wir nicht mit unserem Tischbaas vielmehr zu der Meinung kommen, dass weder interessierte noch desinteressierte Bürger noch wir Jonges als Gruppen noch, wie erkennbar geworden, die Stadtspitze über das Maß an Kenntnissen verfügen, inhaltlich über die „Oper der Zukunft und ihre Angebote für künftige Kundengenerationen“ (Generalintendant) zu befinden? Eigentlich nicht weiter verwunderlich, bedarf es hierfür doch einschlägiger gerade auch internationaler Expertise (nochmal Wagners Musik aus "Meistersinger" "Verachtet mit die Meister nicht!").

 

Lit, sinnumfangen (mentecapto) von Donizettis Musik 3. Akt, 2. Bild "Lucia di Lammermoor", der wohl berühmtesten Wahnsinnsszene der Opernmusik, weint bittere Tränen ("spargi d'amaro pianto") und gibt sich, zu Verdis "Otello", 4. Akt 4. Szene wechselnd, den "FormFollowsFunction"-Dolch: "Nell’ombra in cui mi giacio.../Dunkel umfängt mich..."

 

Vorhang - Finis operae tragicommediae!

 

 

Vielleicht sollten wir uns, innehaltend, bei aller basisdemokratischen Freude an einem „Haus für alle Bevölkerungsgruppen“ die Frage stellen, warum die neuen Opernhäuser Oslo, Kopenhagen, Valencia, die neuen Museen für Moderne Kunst in Bilbao und nun Arles, die Konzerthalle Elphie allesamt keine multifunktionalen Häuser sind, sondern sich auf ihre jeweiligen Kerne Oper/Ballett, Kunstausstellung, Konzert beschränken und eben nicht „für alle“ da sein wollen.  

 

Lit

 

PS Wenn man auf die 3 Akte dieser „Oper“ nachdenklich zurückschaut, könnte man zu der Auffassung gelangen, dass genau das von Anfang an der Plan der kommunalen Entscheider ist. "Oper für alle, multifunktional, Weltniveau-Leuchtturm, Transparenz der Abläufe..." - nur Nebelkerzen, damit das Thema nicht gleich 'abgeschossen' wurde?

 

Es könnte, Corona sei's geklagt, auch noch ganz anders kommen:

"Kämmerer könnten gezwungen sein, zum großen Spielverderber bei hochkulturellen Ambitionen Gutbetuchter zu werden." (FAZ-Menetekel)

 

Zum Schluß der letzte frustrierte Lit-Akt, sein Leserbrief (vermutlich ins Leere) an die Rheinische Post:

"Neue Oper Mail an Rheinische Post, 14.09.2021, 18 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,

eigentlich schreibe ich keine Leserbriefe, doch Herrn Ruhnaus Begleitung des Themas „Neue Oper“ ‚kitzelt‘ schon eine ganze Weile meine kritischen Sinne.

Leider ließ es sich nicht kürzer machen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Abonnent

Hans-Uwe Stiebale

Anfügung an die Mail

„Neue Oper“

An Rheinische Post 14.09.2021

Ja, ich weiß, Leserbriefe und Hornberger Schießen haben was Gemeinsames – vielleicht bald auch die Diskussion über die Oper, denn "Kämmerer könnten gezwungen sein, zum großen Spielverderber bei hochkulturellen Ambitionen Gutbetuchter zu werden." (FAZ kürzlich). Trotzdem:

 

Zu „[Nur] Noch 3 Standorte für die neue Oper …“ (RP v. 11.09.) nebst vorheriger längerer Lokal-Berichterstattung: Die nun 2 ½ Jahre alten pompösen Überschriften, fast im Dutzend, des Oper-Generalintendanten zur künftigen inhaltlichen Ausrichtung von „24 Stunden vibrierend über … bis zu urbaner Schmelztiegel, für eine heterogene Stadtgesellschaft“ sind bis heute nicht ansatzweise inhaltlich unterlegt, so dass weiter munter Form ohne Kenntnis des Inhalts debattiert wird. Ähnliches gilt für die Beiträge der 30 Bürgerräte, weshalb das von Ihnen zitierte OB-Lob „hätten wir auch nicht besser gekonnt“ (genau!) so amüsierte. Nebenbei: Ihre Hochrechnung der 30 Bürgerräte aus 610.000 Einwohnern auf alle: „Die Bürger sind für…“ war mehr als gewagt, nicht nur statistisch. Zumal zu denken geben könnte, dass sich 81 % der insoweit soziountypischen Düsseldorfer Jonges in deren Befragung zu einer neuen Oper desinteressiert gezeigt haben. Was, fragte man alle Düsseldorfer?

 

Eröffnung soll ca. 2035 sein; es geht also vornehmlich um die inhaltlichen Angebote für die 2. Hälfte dieses Jahrhunderts. Legt man das 2018 ermittelte Altersraster über die p.a. 150-180.000 Besucher von Oper&Ballett, bleiben ab Eröffnung altersbedingt ca. 70.000 übrig. Addiert man großzügig 30.000 Jüngere, 20 % der hier seit 1995 Geborenen, ergibt sich ein einigermaßen gewisses Kundenpotential von gerade mal 100.000, das „Millionengrab“. Die Jugend soll’s richten? Haben doch bundesweit die Opernverantwortlichen laut Generalintendant (24.8.21) bislang keine zündende Idee, wie man die durchweg operninaffine Jugend als notwendig großes Kundenpotential für Oper gewinnen könnte.

 

Die angekündigten Klimamaßnahmen bis 2030+ werden in der 2. Jahrhunderthälfte so viele Veränderungen gebracht haben, dass das gerade offenbar alles entscheidende, schon heute eher fragwürdige Auswahlargument „sehr zentral gelegener Standort“ (RP v. 11.09.) bis dahin vollends irrelevant sein dürfte. Von den künftigen Belastungen aus „Klima“ auf die Budgetsituation eines Opernhauses (Klimatechnik, Brandschutz, heute schon die größten Kostenblöcke) ganz zu schweigen. Aus der aktuellen Jahresunterdeckung (> 40 Mio. Euro) lässt sich rasch > 80 Mio. p.a. hochrechnen.

 

UndUndUnd. Recherchieren, Reflektieren, kritisch Nachbohren sei Aufgabe des Journalisten, nicht Hinnehmen und Nacherzählen, heißt es. Gilt das denn nicht für den Lokalteil?

 

Ein Letztes, das zum Standort wohl Wichtigste: Ist es nicht ein gewaltiger Schildbürgerstreich, den einzigen stadtlandschaftlichen Schatz, der Düsseldorf auch international-touristisch reizvoll macht, den Rhein, als Standort mit optischer Strahlkraft zu verwerfen ‘zugunsten‘ des Versteckens in einer engen Häuserzeile am Wehrhahn oder am Ende der südlichen KÖ? Die Städte von Bilbao über Valencia bis Hamburg, Oslo, Kopenhagen, gern als Bilbao-Effekt-Muster für unseren „Leuchtturm mit Weltformat“ (OB) aufgerufen, haben neben der dort erfolgsentscheidenden, bei uns gänzlich fehlenden städtebaulichen Komponente eines gemeinsam: Die attraktive Kombination mit Wasser.

Uwe Stiebale"     

 

cc. u.a.  Bürgermeisterin Gerlach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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