Besondere Tisch–Ereignisse

Es geht auf Weihnachten zu, ex oriente nix! Ex libris literati
01.11.2021

Es geht auf Weihnachten zu, ex oriente nix! Ex libris literati

Seit Monaten kämpft die vorproduktabhängige Industrie weltweit und besonders bei uns auf breiter Front mit riesigen Containerstaus an asiatischen Gestaden ("Chinas Ningbo-Zhoushan, größter Hafen der Welt, hat Corona", hieß es jüngst) und sogar auch noch mit den Folgen des Weihnachtsgeschenke-Schiffstaus im und vor dem Suez-Kanal nach Havarie des Containerschiffriesen "Ever Given" Ende März 2021. Zu diesem Weihnachtsfest also gilt Ex oriente lux nix!

 

Was das mit Weihnachten zu tun hat? Ganz viel, denn Ingredenzien und Einbauteile für Weihnachtliches aller Art liegen in der Ferne auf Containerhalde, rosten oder schimmeln dort vor sich hin, rohe Mandeln rösten sich in 100° aufgeheizten Containern ganz von allein. Et horribile dictu: Die bibelgerühmten "Spezereien aus dem Morgenland", seit zwangsweiser Weiterverbreitung der Weihnachtsgeschichte durch cisrhenanische Mönche im bis dahin Asen-heidnischen Transrhenanien auch im wüsten Germanien fester Bestandteil weihnachtlicher Schleckereien, fallen diesmal aus: Weihnachtsstollen ohne den fremdländischen Inhalt, Zimtgebäck ohne Zimt schmecken wieder so lau wie vor 1.800 Jahren, das Leb für die Kuchen gleichen Namens hängt in Vietnam oder so fest. Selbst die Sternspitzen für die Tannenbäume drohen auszufallen, weil auch hier die Vorprodukte aus Papier und Plastik fehlen, von den bunten Kugeln chinesischer Provenienz ganz zu schweigen.

 

Das aber ist gleichsam nichts gegen das Fehlen von Chips und anderen Einbauteilen für elektronische Geräte aller Art! Welche Kiddies, Teens, Twens, ja sogar Erwachsene aller Preis- und Altersklassen können noch darauf verzichten, gleich unterm Weihnachtsbaum die Welt um sich herum mit dem Klimpern und Ballern an Elektronika aller Art wegzubeamen? Gerade schienen weihnachtliche Familienauseinandersetzungen rückläufig, weil die bisherigen Streithähne jeder still für sich in der Ecke die neuesten technischen Wunderwerke ausprobierte, da fällt diese weihnachtlich-friedliche Entwicklung in sich zusammen, wird Weih- vielerorts wieder zu Schrei-nachten. Die Geräte zunächst nur als Gehäuse zu kaufen, um sie dann ca. zu Ostern mit den betriebsentscheidenden Innereien nachzurüsten, klingt eher nach Händlerverzweiflung.

 

Und was, bitte, hat das mit uns zu tun? Nun, es offeriert Lit die Möglichkeit, mit einigen wenigen neuen Titeln ex libris literati wenigstens Euch, liebe Tischfreunde, schon mal eine schöne Advents- und Weihnachtszeit zu wünschen und die obigen Geschenkausfälle mit - ja, geht's noch - Lesen überbrücken zu lassen. Für die gar nicht mehr Analogen unter Euch rasch der Hinweis, dass das Verlassen der Seite ("Umblättern") nicht mit Streichen oder Wischen über das Papier gelingt, sondern mit 2-Finger-Anheben der Seitenecke (wegen Corona bitte nicht die Finger anlecken!) und Umblättern der gelesenen Seite von rechts nach links bzw. bei arabischen Texten von links nach rechts. :(  :)

 

Also ein paar Lektüreanregungen:

Erst beim Schreiben eines Beitrags hier vor längerem lernte Lit, dass George Orwell ("Farm der Tiere","1984") im 2. Weltkrieg als Kriegsreporter für verschiedene britische Zeitungen im Einsatz war. Nun liegen dessen Reportagen komprimiert in einem kleinen Band auf Deutsch vor: "Reisen durch Ruinen, Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945", C.H. Beck textura 2021. "Die Leute zu Hause haben keine Ahnung, wie das hier aussieht!", schrieb Orwell im März 1945, erschüttert über das Ausmaß der Zerstörung. "Keine Ahnung" mag inzwischen in großem Maße auch für die heutige hiesige Zeitgenossenschaft gelten. Wir Ältesten am Tisch, soweit in einer deutschen Großstadt aufgewachsen, erinnern uns noch, wie selbstverständlich wir in den einsturzgefährdeten Trümmern spielten oder Fußball auf Durchgangsstraßen, weil es nur alle Viertelstunde mal ein Auto gab. Und auch die nächste Jahrgangsdekade kennt es noch aus den Gesprächen zuhause. Für beide Gruppen mag das Büchlein als Gedächtnisauffrischung dienen. Für die Jüngeren und Jungen mag es einerseits etwa die damalige Wut vor allem der Franzosen auf alles Deutsche und das Wunder der europäischen Versöhnung aufzeigen, aber auch andeuten, dass Corona bzw. die daraus resultierenden Einschränkungen nicht die größten aller Unerträglichkeiten sind. Orwells gelegentlich einfließende Ausblicke sind natürlich nur aus der Zeit zu erklären. Das "Auferstanden aus Ruinen" (J.R. Becher, DDR-Nationalhymne) konnte er sich wie die meisten Menschen damals nicht einmal ansatzweise vorstellen - und in der DDR hat's ja auch nicht wirklich geklappt.

 

Wem das für die Weihnachtszeit zu schwermütig ist, kann sich vielleicht mit "DANTES VERSE", Wallstein Verlag 2021, anfreunden: Anläßlich der 700sten Wiederkehr von Dantes Todestag 1321 erschienen im Feuilleton der FAZ über mehrere Monate knapp 60 Kommentare unterschiedlichster Autoren mit entsprechend unterschiedlichsten Blickwinkeln auf Dantes "Commedia". Diese erläuternden Kommentare zu verschiedenen Versen sind in diesem von Birte Förster herausgegebenen Büchlein zusammengefaßt.

 

Ganz druckfrisch ein in der FAZ geradezu schwärmerisch besprochenes Prosa-Neueintauchen in die altgriechische Welt der Tragödien: "Dämonen und Drachen" der französischen Graecistin Mayotte Bollack, "die neunzehn Dramen des Euripides nacherzählt und interpretiert", Friedenauer Presse, Berlin 2021. Um die FAZ zu zitieren: "Was sind heutige Theaterskandale gegen diese wilde Geschichtenkunst? Mayotte Bollacks nacherzählende Deutung der Tragödien des Euripides zeigt auf neue Art und doch einmal mehr, wie zeitlos das antike Drama ist." "Dem Armen, dem Reichen gewährt Dionysos Gleiches: Den fröhlichen Wein, um alles Leid zu lindern." (Die  Bacchantinnen, Vers 421 - 42). Doch οίμοι, weh mir, denn denket, "das Schlimme kann das Schlimmste nach sich ziehen!", S. 195.

(Und für Dieter (D.) in Erinnerung an seinen Hinweis auf Epikur im Besonderen Ereignis "Mit Σωκράτης im Füchschen", 24.08.2018: "Das Fleisch hat niemals Gutes getan, man darf zufrieden sein, wenn es keine Übel bereitet" (Epikureische Maxime).)

 

"TERRA ISLAMICA Auf der Suche nach der Welt meines Vaters" von Aatish Taseer; C.H. Beck, 2010. Taseer, westlich geprägter Journalist und Schriftsteller in London und Neu-Delhi mit pakistanisch-indischem, also islamisch-hinduistischem Hintergrund, reist mit längeren Stationen von Istanbul nach Pakistan, um die Terra Islamica und damit die Welt seines ihm gänzlich entfremdeten muslimischen Vaters zu ergründen. "Spannender, geistreicher und überraschender ist man selten über den aktuellen Islam informiert worden", heißt es in einer Besprechung - auch wenn jüngere Entwicklungen seit dem Entstehen des Buches 2009 hier und da zu anderen Erkenntnissen führen können. Gut geschrieben, mit literarischem Gefühl (Beispiel "Noch nicht einmal neun Uhr, und schon entzog die weißglühende Hitze dem Tag förmlich die Farben.").

 

Auf zu leichter Lektüre:

"THE PRESIDENT'S DAUGHTER", Verlag Century House im Penguin Random House UK, 2021, ein von Alt-Präsident Bill Clinton mit Bestseller-Autor James Patterson geschriebener Thriller, wie ein Ex-US-Präsident und Ex-Navy SEAL seine entführte Tochter befreien will. "An absolute rocket. Rich with the authenticity only a president can deliver" schreibt ein Kritiker. Ein Schmöker von 534 Seiten - allerdings so großformatig gedruckt, dass man fast auf die Lesebrille verzichten kann.

 

Mehr zum vertiefenden Blättern als zum Lesen, aber gerade noch sehr aktuell "L'Arc de Triomphe, Wrapped, Paris, 1961 - 2021", Christo and Jeanne Claude z.T. posthum, Verlag Taschen 2021 (in der Reihe der über Christos wrapping projects erschienenen Bildbände - für Lit bleibt allerdings das Projekt im Largo d'Iseo die optische Nr. 1).                                                                                             Die noch von Christo vor seinem Tod signierten Drucke mit dem Entwurf des verhüllten L'Arc de Triomphe waren leider praktisch mit dem Tag des Markterscheinens vergriffen.

 

Das war's für diesmal. Lisete et delectate, wünscht Euer Literate!

Denn: Lisemus, ergo sumus!

 

NB Nam cognoscite:

Instrumenta electronica

non alpha sunt non omega!

 

(Denn: "ἄ/alpha est et ω/omega" ist derzeit reserviert für die Durchbuchstabierung der Corona-Varianten, gegenwärtig auf o/omikron zusteuernd.)

 

Frohe Advents- und Weihnachtstage allerseits!

Lit

 

 

 

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